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EurAc: Die Krise in der DR Kongo erfordert entschlossenes und koordiniertes Handeln der EU und ihrer Mitgliedstaaten
Die Unterzeichnung eines Abkommens zwischen der Regierung der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) und Ruandas am 27. Juni 2025 sowie einer Grundsatzvereinbarung am 19. Juli in Doha nährten die Hoffnung auf eine Beruhigung der Lage im Osten der DR Kongo. Diese Hoffnung wich jedoch schnell erneuter Gewalt. Seit Juli haben die Kämpfe zwischen der Rebellengruppe AFC/M23 und der kongolesischen Armee (FARDC) deutlich zugenommen und einen neuen Kreislauf der Gewalt ausgelöst. Die diplomatischen Bemühungen zeigen bislang keine Wirkung, während sich die humanitäre, sicherheitspolitische und sozioökonomische Lage weiter verschlechtert. Darüber hinaus hat die AFC/M23 in den von ihr besetzten Gebieten eine De-facto-Verwaltung errichtet, traditionelle Führer abgesetzt und eigene Vertreter:innen eingesetzt.
In den östlichen Provinzen der DR Kongo hat sich die Sicherheitslage in den letzten Monaten massiv verschlechtert. Seit Juli ist eine Zunahme der Gefechte zwischen den Rebellen der M23 und der FARDC, die von Wazalendo-Milizen unterstützt werden, in Nord- und Süd-Kivu zu beobachten. Die unmittelbare Folge ist ein deutlicher Anstieg sowohl der Zahl der Vertriebenen als auch der Opfer von Menschenrechtsverletzungen. In Uvira eskalieren ethnische Spannungen durch gezielte Angriffe der Wazalendo auf Mitglieder der Banyamulenge, während Hassrede in sozialen Netzwerken den gesellschaftlichen Zusammenhalt weiter untergräbt. In Ituri hat das Wiedererstarken der ADF die Gewaltspirale erneut angeheizt – und damit zur Verschärfung der ohnehin explosiven Lage beigetragen. Allein im Juli wurden 319 Todesfälle registriert, die höchste Zahl seit der Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes durch die M23. Seit Jahresbeginn wurden nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz über 3.000 Menschen durch Waffen verletzt – 71 % davon Zivilist:innen. Viele Familien fliehen in Nachbarländer wie Burundi und Ruanda, wo sie jedoch eben-falls nicht sicher sind und Festnahmen befürchten müssen.
Im Juli registrierte das UN-Menschenrechtsbüro in der DR Kongo 535 Fälle, 87 % davon im Osten. Mit 70 % der von bewaffneten Gruppen begangenen Verstöße bleibt die M23 Hauptakteur der Gewalt. Willkürliche Verhaftungen, Einschüchterungen und Gewalt gegen Zivilist:innen, Journalist:innen und Menschenrechtsverteidiger:innen nehmen weiter zu, viele müssen fliehen oder im Verborgenen leben. Öffentliche Äußerungen oder Handlungen stellen ein Sicherheitsrisiko dar, vor allem für Menschenrechtsverteidigerinnen. Das Fehlen eines funktionierenden Justizsystems führt zu weitgehender Straflosigkeit, während die Ankündigung der M23, eine Kommission einzusetzen, die über die Wiederherstellung der Justiz beraten soll, in der Zivilgesellschaft große Besorgnis auslöst. Gleichzeitig bestätigt eine UN-Untersuchung schwerste Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit – darunter Massenvergewaltigungen, Folter und Kindersoldatenrekrutierungen –, deren Aufarbeitung durch fehlende Mittel und eingeschränkten Zugang behindert wird.
Jenseits der anhaltenden Gewalt hat sich die sozioökonomische Situation im Osten der DR Kongo dramatisch verschärft. Nach der Einnahme von Goma und Bukavu führten die Schließung von Flughäfen, Banken und Betrieben sowie ein willkürliches Steuersystem der Rebellen zu extremer Not. In Uvira ist der Handel mit den anderen Teilen Ostkongos und mit Burundi – und damit die gesamte lokale Wirtschaft – stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Laut WFP leiden über 10 Millionen Menschen an Ernährungsunsicherheit, 2,3 Millionen davon befinden sich in akuter Not. Die M23 beschlagnahmt Land und Geschäfte und überträgt sie an Unterstützer:innen, wodurch Händler:innen ihre Existenzgrundlage verlieren. Die Missachtung lokaler Konfliktlösungsmechanismen und daraus hervorgegangener Vereinbarungen schwächt das wirtschaftliche Gefüge der Region und schafft zugleich einen Nährboden für künftige Landkonflikte. Viele Unternehmen mussten schließen, da sie der Konkurrenz durch die vom M23 gegründeten und kontrollierten Firmen nicht standhalten konnten. Dabei stehen diese Entwicklungen im größeren Kontext der illegalen Ausbeutung natürlicher Ressourcen: bewaffnete Gruppen und Armeeoffiziere sind an illegaler Fischerei sowie am illegalen Rohstoff- und Holzhandel beteiligt. Diese wirtschaftliche Ausbeutung geht mit schweren Menschenrechtsverletzungen einher, darunter Zwangsarbeit, Folter und Tötungen.
Angesichts der humanitären Katastrophe im Osten der DR Kongo kritisieren die Mitglieder des EurAc-Netzwerks die Passivität der EU und ihrer Mitgliedstaaten. Trotz der zahlreichen Friedensinitiativen, verharrt die EU in einer zurückhaltenden Haltung, die als mangelndes Engagement gegenüber dem Leid der Bevölkerung interpretiert werden kann und die Aussichten auf eine inklusive politische Lösung mindert. Zwar wurde die jüngst bereitgestellte humanitäre Hilfe der EU positiv aufgenommen, sie ist jedoch unzureichend. EurAc fordert daher ein verstärktes diplomatisches Engagement und konkrete, koordinierte Maßnahmen, um den Konflikt auf der politischen Agenda der EU zu halten und den Frieden für die Bevölkerung im Osten der DR Kongo Wirklichkeit werden zu lassen.
Konkret fordert das EurAc-Netzwerk die EU und ihre Mitgliedstaaten auf:
- Diplomatischen Druck auszuüben, um die Umsetzung eines inklusiven, transparenten und partizipativen Friedensprozesses sicherzustellen.
- Sicherzustellen, dass die Bekämpfung der Straffreiheit und der Schutz der Menschenrechte im Mittelpunkt künftiger Friedensabkommen stehen.
- Verstärkt technische und finanzielle Unterstützung für lokale Menschenrechtsorganisationen bereitzustellen, die mit der Dokumentation von Verstößen betraut sind, und sie gemäß den EU-Leitlinien zum Schutz von Menschenrechtsverteidiger:innen besser zu schützen.
- Die technische und finanzielle Unterstützung für Ermittlungs- und internationale Justizmechanismen zu verstärken, insbesondere die rasche Einrichtung der internationalen Untersuchungskommission der UN für die DR Kongo und die Dokumentations- und Ermittlungsarbeit des Internationalen Strafgerichtshofs, die beide nicht ausreichend finanziert sind.
- Ein aktives Eintreten gegenüber der kongolesischen Regierung, damit sie die notwendigen Maßnahmen ergreift, um die rasche und sichere Wiedereröffnung der Bankfilialen in den besetzten Gebieten zu ermöglichen.
- Jegliche wirtschaftliche oder kommerzielle Unterstützung überwachen und an Bedingungen knüpfen, um zu verhindern, dass sie Unternehmen zugutekommt, die an der Finanzierung oder Verschärfung des Konflikts im Osten der DR Kongo beteiligt sind.
Die Executive Summary ist eine verkürzte deutsche Zusammenfassung des EurAc Policy Briefs, der auf Französisch und Englisch veröffentlicht wurde. Die deutsche Fassung wurde vom ÖNZ als Mitglied von EurAc erarbeitet.