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Analysepapier zur multidimensionalen Gewalt der ADF jenseits jihadistischer Zuschreibungen
Obwohl die Allied Democratic Forces (ADF) zu den gewaltvollsten bewaffneten Gruppen in der DR Kongo gehört, erhält sie in internationalen Medien und politischen Debatten vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Bisher wurde die Gewalt der ADF vor allem über ihre jihadistischen Bekenntnisse und einer anti-christlichen Gesinnung erklärt. Die kürzlich veröffentlichte Analyse von Kristof Titeca und Giovanni Salvaggio (Januar 2026) argumentiert jedoch, dass ADF-Gewalt als Zusammenspiel ideologischer, militärischer, politischer und wirtschaftlicher Logiken zu begreifen ist.
Die ADF als eine Jihadistische Gruppe
2019 schwor die ADF dem sogenannten Islamischen Staat die Treue, wobei 2023 Finanzströme zwischen beiden Bewegungen offengelegt wurden. Die Beziehung der ADF zum globalen jihadistischen Netzwerk ist intensiv untersucht worden, doch eine ausschließliche Betrachtung als jihadistische Gruppe blendet aus, dass sie zugleich fest in lokalen, nationalen und regionalen politischen sowie wirtschaftlichen Dynamiken verankert ist.
Die lokale politische Ökonomie der ADF‑Gewalt
Die ADF unterhält systematische Beziehungen zu politischen und wirtschaftlichen Akteuren, die für ihre Finanzierung, ihr Fortbestehen und die Ausweitung ihrer Kontrolle zentral sind. Historisch war sie in Sektoren wie Kakao, Holz, Kaffee und Cannabis aktiv; mit der Zeit verlagerte sie ihre wirtschaftlichen Interessen jedoch zunehmend in den Bergbau – was zu gewaltsamen Konflikten mit anderen bewaffneten Gruppen führte. Die Gruppe ist tief in die lokale Kriegsökonomie u.a. durch Steuern, Handel und Rohstoffextraktion eingebunden. In ihren Einflussgebieten betreibt die ADF zudem eine einfache, aber effektive Form von Verwaltung.
Durch Handel, Besteuerung und weitere Aktivitäten hat die ADF ein dichtes Netz wechselnder Beziehungen zu lokalen Akteuren aufgebaut – von kleinen Händlerinnen und Händlern über Unternehmer und Armeeoffiziere bis hin zu Politikerinnen, Politikern und traditionellen Autoritäten. Ihre Einbettung in die lokale Gesellschaft reicht weit über ökonomische Interaktionen hinaus: Zivilpersonen werden für Informationen, Transport oder Versorgung bezahlt, und manche lokalen Autoritäten übermitteln Botschaften, sichern Gehorsam oder nutzen ADF‑Strukturen zur Einschüchterung politischer Rivalen. Diese Beziehungen bewegen sich zwischen erzwungener Kooperation und aktiver Zusammenarbeit. So ist die ADF tief in die sozialen Strukturen im Osten der DR Kongo eingebettet und nutzt Praktiken, die auch andere bewaffnete Gruppen in der Region anwenden.
‚Fake ADF‘ und die Auslagerung von Gewalt auf lokaler Ebene
Zusätzlich zu der Gewalt die richtigerweise der ADF zugeschrieben wird, gibt es auch viele Fälle von Gewalt, die zwar der ADF zugeschrieben wird, nicht aber eindeutig der Gruppe selbst zugeordnet werden kann. Das ADF‑Label wird zunehmend von anderen bewaffneten Gruppen, kriminellen Netzwerken, lokalen Milizen, wirtschaftlichen Akteuren und sogar einzelnen FARDC‑Elementen genutzt, um eigene Interessen zu verfolgen, Rivalen auszuschalten oder wirtschaftliche Vorteile zu sichern – insbesondere im Kontext von Landkonflikten und Ressourcen wie Kakao oder Gold. Dadurch ist „ADF‑Gewalt“ zu einer Art Franchise geworden, das von sehr unterschiedlichen Akteuren instrumentalisiert wird. Gleichzeitig existieren vielfältige Formen der Zusammenarbeit zwischen echten ADF‑Kämpfern und lokalen Akteuren, die von direkter Beteiligung an Angriffen bis zu logistischer oder wirtschaftlicher Unterstützung reichen. Diese Verflechtungen machen Verantwortungszuschreibungen extrem schwierig und spiegeln die breitere politische Ökonomie bewaffneter Mobilisierung in Ostkongo wider, in der Gewalt, Allianzen und Identitäten fluid und strategisch genutzt werden.
… sowie nationaler Ebene
Die politische Instrumentalisierung der ADF beschränkt sich nicht auf lokale Dynamiken, sondern reicht bis auf die nationale und regionale Ebenen. In der DR Kongo haben politische und militärische Eliten die ADF immer wieder genutzt, um rivalisierende bewaffnete Gruppen einzudämmen oder territoriale Kontrolle zu beeinflussen. UN‑Berichte dokumentieren zudem enge Verbindungen zwischen ADF‑Elementen, FARDC‑Offizieren und staatlichen Autoritäten. Auch in Uganda dient die ADF seit Jahren als politisch nützliches Bedrohungsnarrativ.
Vielfältige Ursachen für ADF-Gewalt
ADF‑Gewalt folgt nie nur einer einzelnen Logik, sondern entsteht aus einer Kombination militärischer, wirtschaftlicher, politischer und ideologischer Motive. Angriffe dienen nicht nur der Reaktion auf militärischen Druck, sondern auch der Sicherung von Versorgung, der Kontrolle über Handels- und Steuersysteme sowie der Durchsetzung lokaler Machtinteressen. Einzelne Vorfälle zeigen, dass ein Angriff gleichzeitig als Vergeltung, als Teil jihadistischer Propaganda und als Eingriff in lokale Wirtschaftsstrukturen verstanden werden kann. Zugleich erschwert die häufige Instrumentalisierung des ADF‑Labels in lokalen Konflikten eine klare Zuschreibung. Ein Mangel an forensischer Untersuchung und politischem Interesse trägt dazu bei, dass die ADF trotz hoher Gewaltintensität vergleichsweise wenig erforscht ist.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass eine rein jihadistische Einordnung der ADF analytisch zu kurz greift. Sie blendet die lokalen und regionalen Gewaltökonomien sowie die vielfältigen Verflechtungen mit Handelsnetzwerken, Machtkämpfen und staatlichen Akteuren aus, die für das Verständnis der Dynamik zentral sind. Zwar prägt die jihadistische Dimension Organisation, Propaganda und Rekrutierung und ist mit realen ideologischen wie materiellen Verbindungen verbunden, doch bleibt sie in lokale, taktische und oft opportunistische Logiken eingebettet.
Auch eine Deutung der Gewalt als primär anti-christliche Kampagne vereinfacht die Realität. Religiöse Narrative spielen eine Rolle, sind jedoch selten der ausschlaggebende Treiber. Insgesamt wird deutlich: Monokausale Erklärungen werden der Komplexität des Konflikts nicht gerecht.
Das Analysepapier ist auf Englisch im Egmont Paper 135 erschienen.